Rezension: Schneepoet

rezi_schneepoet

schneepoetNika Sachs
TWENTYSIX, 2017
Taschenbuch, 268 Seiten
ISBN 9783740731649
Amazon / Goodreads

Ich bin Lukas.

Neunundzwanzig, manisch depressive und Vollidiot mit Hang zum Exzess, der Schizo-Gespräche mit seinem Karma führt und Tagebuch schreibt.

Bisher bestand mein Leben aus zwei Ländern, zwei Namen, einer Menge kreativer Inkompetenz und zu vielen Fehlentscheidungen. Eine davon war, mich von Inga zu trennen. Danach habe ich erfolglos versucht, zu kompensieren, es in achtzehn Jahren nicht geschafft zu haben, ihr zu erzählen, dass ich nicht nur ein paar psychische Probleme, sondern auch noch einen Zwillingsbruder habe …

Wer Nika Sachs auf Twitter folgt, hat bereits viel von Luc und seinen Tagebüchern gehört, daher war auch ich neugierig und freute mich sehr über die Gelegenheit, das erste Buch Schneepoet gegen eine Rezension vorab zu lesen. Für meinen Geschmack ist es sehr düster, trotzdem fand ich darin vieles, das mich beim Lesen begeisterte.

Nach der Trennung von seiner großen Liebe Inga zieht Luc zu seinem Zwillingsbruder Silas nach Paris und schreibt Tagebuch über sein Leben ohne Inga. Bald benutzt er Sex und Drogen, um seine Gefühle zu betäuben, jedoch ohne die Kontrolle zu verlieren. Seinem Tagebuch und damit dem Leser erzählt er ehrlich und reflektiert von seinen Erlebnissen, beurteilt und verarbeitet sie, was ihm immer wieder die nötige Perspektive liefert. Trotz seiner Schwächen und zahlreichen Fehler belügt er sich nie selbst oder lässt sich gehen, was mich sehr inspiriert hat.

Andere Figuren in Lucs Leben stellen einen Kontrast zu seinen Stimmungen und Gedanken dar. Etwa sein Zwillingsbruder Silas, der im Gegensatz zu ihm seine Gefühle unterdrückt oder gegen andere richtet. In Silas zeigt sich die scheinbar unvermeidliche Entscheidung zwischen beruflichem Erfolg und Sozialleben. Lou, die erst spät vorkommt, hat sich mir ebenfalls eingeprägt, da sie Luc in vielerlei Hinsicht versteht, aber auf eine komplett andere Art mit ihren Problemen umgeht.

Nika Sachs reißt Grenzen nieder oder verwischt sie: Etwa wenn sie Luc als Mann darstellt, der oft weint und trotzdem nicht unmännlich ist, oder wenn sie Sex und Drogen poetisch und realistisch beschreibt, ohne dem Leser ihre Botschaft ins Gesicht zu knallen.

Auch ihr Schreibstil und damit Lucs Stimme sind unverkennbar: Bisher habe ich in Tagebucheinträgen immer eine schwierig Gratwanderung zwischen Show und Tell gesehen, aber in Schneepoet sind sie lebendig geschrieben und mit düsterem Humor durchsetzt. Sie stellt Erstaunliches mit der deutschen Sprache an und hat sogar bewirkt, dass ich mich wieder ein bisschen in sie verliebt habe. Zudem schreibt sie die bestimmt besten Sexszenen, die mir je untergekommen sind – sparsam, poetisch und bisweilen sogar lustig, ohne lächerlich zu werden. Der Schneepoet ist ein Buch, das einem nahe geht und durch Lucs Lebensgeschichte viele Themen anspricht, die in der einen oder anderen Form uns alle beschäftigen – daher gebe ich ihm mit Freuden 5/5 Sterne und halte dem Taschenbuch einen Platz in meinem Regal frei.

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