Buchlabor: 100 Geistergeschichten Japans

buchlab-geister

Das Buchlabor

Die Idee zu dieser Blogserie entstand nach einem Vortrag, den Eva-Maria Obermann auf dem Litcamp 2017 über Buchblogging und Literaturwissenschaft gehalten hat. Ich war zwar nicht auf dem Camp anwesend, wurde aber auf verschlungenen Wegen (Twitter) darauf aufmerksam und die liebe Babsi hat mich kurz darauf zur Planung eingeladen. Der Hintergedanke: Buchblogger werden von erklärten Literaturkritikern belächelt, obwohl einige sehr viel Arbeit und Gedanken in jeden Beitrag stecken. Das Buchlabor ist eine Aktion, in der wir verschiedene literarische Themen etwas systematischer, aber keineswegs trocken unter die Lupe nehmen. Unsere Beiträge findet ihr unter #litwipunk und weitere Teilnehmer dürfen sich gerne bei Eva melden! Passend zu Halloween und dem düsteren Herbst lautet das erste Thema Geister.

Geister in Japan

candles2Der Totengeist, auf den wir uns in dieser Aktion konzentrieren, wird in den meisten Definitionen als unheimliche Erscheinung verstanden, die einem Verstorbenen sehr ähnlich sieht und entweder die Hinterbliebenen oder einen bestimmten Ort heimsucht.

In westlichen Medien, egal ob Literatur, Theater oder Film, werden Geister oft dem Genre Horror zugeordnet. In Japan, das für Horrorfilme wie Ring und Ju-On bekannt ist, haben Geistergeschichten eine lange und reiche Tradition. Tatsächlich haben mir japanische Bekannte schon von Erlebnissen erzählt, die sie für Begegnungen mit Geistern (jap. Yūrei) hielten. In Japan herrscht nach wie vor der Glaube, dass die Toten nicht an einen anderen Ort verschwinden, sondern über die Hinterbliebenen wachen und sich oft in ihr Leben einmischen. Geistergeschichten heißen in Japan traditionell Kaidan (merkwürdige oder mysteriöse Erzählungen) und unterscheiden sich schon durch diese Bezeichnung vom Genre Horror.

Die Ursprünge

Geister waren schon immer Teil der alten japanischen Glaubenswelt, aber in der Edo-Zeit (1603-1868) gelangten sie dank eines Spiels namens Hyakumonogatari kaidankai zu großer Beliebtheit. Bei diesem Spiel wurden spätnachts hundert Kerzen angezündet und reihum Kaidan erzählt. Nach jeder Geschichte musste eine Kerze gelöscht werden und wenn die letzte Flamme verschwand, sollte angeblich ein echter Geist im Raum auftauchen. Im ganzen Land brach ein regelrechtes Fieber aus, einfache Leute wie auch Adlige waren auf der Suche nach neuen Geistergeschichten, die sie weitererzählen konnten. Viele wurden niedergeschrieben und als Bücher verkauft. Auch das heutige Bild des japanischen Geists im weißen Kimono, mit langen schwarzen Haaren und starrem Blick, geht auf diese ersten Geschichten zurück.

Die drei großen Geister

Kuniyoshi_oiwa
Oiwa, Utagawa Kuniyoshi

Auch die bekanntesten Geister gehen auf diese Zeit zurück, wie etwa die sogenannten drei großen Geister (jap. San O-Yūrei), die ich in diesem Beitrag vorstelle. Alle drei kehren aus unterschiedlichen, aber für japanische Geister typischen Gründen auf die Erde zurück: Oiwa ist ein Rachegeist, Otsuyu sehnt sich nach ihrem Geliebten und Okiku ist an einen ganz bestimmten Ort gebunden.

Oiwa hatte ihren ersten großen Auftritt in einem 1825 von Tsuruya Nanboku IV geschriebenen Kabuki-Stück mit dem Titel Tōkaidō Yotsuya Kaidan (Kaidan aus Yotsuya beim Tōkaidō). Darin war sie Opfer ihres Mannes Iemon, der mit der Heirat unzufrieden war und versuchte, sie zu vergiften. Der erste Versuch bewirkte jedoch nur, dass eine Hälfte ihres Gesichts zu sacken begann, was ihr ein unheimliches Aussehen verlieh. Nach ihrem Tod kehrte sie als Yūrei zurück und trieb Iemons ganze Familie ins Verderben. Seit dieser ersten Fassung wurde Oiwas Geschichte mehrmals verfilmt, unter anderem soll sie die Vorlage für Sadako aus dem Film Ring sein.

Otsuyus Geschichte tauchte erstmals in einer Sammlung von Kurzgeschichten auf, die 1666 von Asai Ryoi aus dem Chinesischen übersetzt wurden. Ab 1884 wurde sie für das Theater adaptiert und als Botan Dōrō (Die Pfingstrosen-Laterne) bekannt. Die Geschichte dreht sich um die Liebe zwischen Otsuyu und Saburo, einem jungen Studenten. Nach einigen nächtlichen Treffen wird enthüllt, dass Otsuyu und ihre Dienerin Yūrei sind, und ein Priester schützt Saburos Haus mit Talismanen, sodass Otsuyu nicht mehr zu ihm kann. Da er jedoch vor Sehnsucht nach ihr zu vergehen scheint, werden die Talismane wieder entfernt und Saburo wird am nächsten Morgen tot und Arm in Arm mit einem Skelett gefunden. Auf Otsuyu soll genau wie auf Oiwa ein Fluch liegen, etwa besuchen Schauspieler heute noch ihr (angebliches) Grab und bringen Opfer, bevor sie sich an die Rolle wagen.

Yoshitoshi_Ogiku
Okiku, Tsukioka Yoshitoshi

Okikus Geschichte war offenbar schon eine alte Legende, als sie 1741 erstmals unter dem Titel Banchō Sarayashiki (Das Tellerhaus von Banchō) für das Bunraku-Puppentheater adaptiert wurde. Der Legende nach war Okiku eine schöne Dienerin im Haus des Samurai Aoyama Tessan. Da sie seine wiederholten Annäherungsversuche zurückwies, versteckte er einen der zehn wertvollen Teller im Familienbesitz und tat so, als wäre es ihre Schuld. Nachdem sie die Teller mehrmals durchgezählt hatte, ging sie verzweifelt zu Aoyama, der sie wieder zu seiner Geliebten machen wollte und wieder abgewiesen wurde. Daraufhin stieß er sie zornig in einen Brunnen, wo sie den Tod fand. Seitdem soll Okiku an diesem Brunnen immer wieder bis neun zählen und dann einen schrillen Schrei ausstoßen, wie ein hängendes Tonband. Anders als Oiwa und Otsuyu ist sie als Yūrei an einen Ort gebunden. In Japan gibt es verschiedene Brunnen, die als „ihrer“ beworben werden, unter anderem in der Burg Himeji (dieser ist jedoch nicht alt genug und daher mit großer Wahrscheinlichkeit nicht echt). Diese Orte sind es, die Touristen anziehen und Okikus Geschichte lebendig halten.


Oiwa, Otsuyu und Okiku sind jedoch nur drei von unzähligen Geistern, die Japan bevölkern und immer wieder inspirieren. Sei es in Filmen, Büchern oder Anime – Yūrei sind aus der japanischen Kultur nicht wegzudenken und bereichern uns mit etwas anderen Geschichten als „westliche“ Geister es tun. Wenn ihr Lust bekommen habt, mehr über literarische und mediale Darstellungen von Geistern zu lesen, schaut am besten in die anderen Beiträge zur Aktion:

Die Geister sind los bei Schreibtrieb
Warum sind Geister unheimlich? bei The Blue Siren
Geister in der Literatur bei Gedankenglas

Quellen

Zack Davisson: Yūrei, the Japanese Ghost (2015, Chin Music Press)
Hyakumonogatari Kaidankai
Wikipedia: Kaidan & Yūrei
(Foto: Unsplash, Bilder: Wikipedia)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Buchlabor: 100 Geistergeschichten Japans

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s